Die Entwicklung des Nordquartiers

Eine Vorgängergeschichte

Das Bild der ehemaligen Gemeinde Bümpliz um 1850 zeigt eine konzentrierte Siedlungsstruktur mit Bauernhäusern der wohlhabenden Dynastien Bienz, Isenschmid, Bürki und Gfeller im Zentrum. Etwas abseits, aber doch mit der Kirche über die Bümplizstrasse verbunden, lagen der Weiler Mühledorf mit den beiden Schlössern und das Neuhausgut im heutigen Bethlehemquartier. Der Dorfkern wurde in einer heute als wegweisend empfundenen Weise durch die Hauptstrassen Bern – Freiburg und Bern – Murten weiträumig umfahren. Diese Besiedlung erlaubte eine rationelle Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Fläche und reduzierte den Landverlust durch öffentliche Strassen auf ein Minimum.

Dies sollte sich ab 1860 mit dem Bau der Eisenbahnlinie Bern – Freiburg und insbesondere mit der Errichtung eines Bahnhofs radikal ändern. Die Strasse zwischen Kirche und dem Bauernbetrieb des ehemaligen Unterstatthalters Christian Gfeller (1809 – 1880) musste bis zum Bahnhof der damaligen Centralbahn verlängert werden. Dies erfolgte auf den Spuren des historischen Wegs von Bümpliz und Köniz, dem Pfaffensteig.

Die Besiedlung des auf einmal attraktiv gewordenen Geländes in der Nähe des Bahnhofs erfolgte mit Bauten, die einen vorstädtisch anmutenden Charakter aufwiesen. Der bekannteste Architekt und Baumeister einer grossen Zahl dieser Häuser war der einstige Tessiner Maurer Battista Fontana (1875-1952).

Der Bau der Eisenbahnlinie Bern-Neuenburg

Mit dem Bau der Eisenbahnlinie Bern – Neuenburg und der Eröffnung im Jahre 1901 ergab sich für den nördlichen Teil des Dorfzentrums eine ähnliche Situation wie bei der Errichtung des Bahnhofs an der Freiburgerlinie. Zwischen dem Dorfrand auf der Höhe der heutigen Kreuzung Brünnenstrasse-Bümplizstrasse und dem Landsitz Brünnen befand sich ein einziges Bauernhaus, jenes der Familie Marthaler am “Gässli”, der heutigen Brünnenstrasse.

Für die Behörden der Gemeinde Bümpliz war es deshalb naheliegend, das vorhandene Strassennetz in die Ortsplanung einzubeziehen und die beiden Bahnhöfe der Centralbahn und Bern-Neuenburgbahn (“direkte Linie” wie sie ursprünglich im Untertitel genannt wurde) mit einer möglichst geraden Linie miteinander zu verbinden. Deshalb setzten sie sich für den Standort des neuen Bahnhofs auf der Höhe des heutigen Bahnübergangs bei der Einmündung der Winterholzstrasse in die Brünnenstrasse ein. Sie hatten die Rechnung indes ohne den geschickt agierenden Landbesitzer und ehemaligen Geometer Karl Feller gemacht! Dieser hatte vorsorglicherweise in der Gegend des heutigen Tscharnerguts Land für eine industrielle Erschliessung gekauft und dazu in weiser Voraussicht ein Anschlussgleis selber finanziert. Dank seinen guten Beziehungen zur Bernischen Eisenbahndirektion brachte er es fertig, dass der Bahnhof um einige hundert Meter östlich des vorgesehenen Standorts gleich gegenüber seinem Landsitz, dem späteren Fellerstock, gebaut wurde. Die Änderung der Planungsvorlage wurde seitens der Kantonalen Behörden mit dem Argument begründet, dass der Brunnen vor dem Bahnhofsgebäude mit Gratiswasser aus der privaten Quelle des Herrn Feller gespiesen würde! Somit zerschlug sich die Idee des Bümplizer Gemeinderats, das bestehende Strassennetz für die Erschliessung des neuen Bahnhofs zu nutzen. Von der Bümplizstrasse her erschloss die neue Bahnhofstrasse von diesem Zeitpunkt an den Bahnhof “Bümpliz-Bethlehem” sowie den Gasthof “Nordbahnhof”. Der privaten Wirtschaftsförderung von Karl Feller war übrigens kein grosser Erfolg beschieden: Ein einziges Unternehmen siedelte sich an seinem Industriegleis an.

Das Juraquartier und der Baumeister Benjamin Clivio

Trotz dem vermeintlichen Rückschlag bei der Planung eines attraktiven Abschlusses der Jurastrasse – der späteren Brünnenstrasse – entwickelte sich die Gegend dank der privaten Initiative des Baumeisters Benjamin Clivio zu einem Villenquartier für gehobene Ansprüche.

Benjamin Clivio wurde 1872 in Caldano (Italien) geboren. Er verlor seine Mutter schon im frühen Kindesalter, so dass er bereits im 9. Lebensjahr seinen Vater nach Bern begleiten und seinen Lebensunterhalt als Pflasterbube selbst bestreiten musste. Er bildete sich als Maurer, Vorarbeiter und Baumeister aus und zog 1900 mit seiner Familie nach Bümpliz, wo er sich als Unternehmer auf eigene Rechnung betätigte und eine äusserst erfolgreiche Karriere aufbaute. Über 200 Wohnhäuser sind von ihm, teilweise in Zusammenarbeit mit dem Architekten Karl Indermühle, entstanden. Er war Mitbegründer des Handwerker- und Gewerbevereins Bümpliz und erhielt 1911 das Bümplizer Bürgerrecht. Einer seiner rund 80 Angestellten war während zweier Jahren der Akkordmaurer Benito Mussolini, der spätere italienische Diktator!

Der erste Weltkrieg stellte für die Entwicklung des Quartiers eine grosse Herausforderung dar. War bis zu diesem Zeitpunkt der Wohnungsbau noch eine Domäne der privaten Investoren, so änderte sich dies nach Abschluss des Krieges fundamental. Die nach dem Generalstreik gesenkten Arbeitszeiten, die teurer gewordenen Baumaterialien sowie die massiv gestiegenen Arbeitslosenzahl, brachte den Wohnungsbau praktisch zum Erliegen., Es herrschte eine eigentliche Wohnungsnot. In Bümpliz, das in der Zwischenzeit seine Selbständigkeit verloren hatte und ein Stadtteil von Bern geworden war, investierte die öffentliche Hand, wie zum Beispiel an der Brünnackerstrasse. Die Zeit der individuellen Bauten war abgelaufen und dort, wo Clivio noch investierte, musste er sich für eine verdichtete Bauweise entscheiden. Beispiele dafür sind die Häuser an der Heimstrasse und am Peterweg. Ab 1920 enstand zudem an der Winterholzstrasse durch die Pensionskasse der Chocolat Tobler AG eine Gruppe von zehn identischen Doppelwohnhäusern und drei Einfamilienhäusern.

Die Kriegssiedlungen

Während dem Zweiten Weltkrieg entwickelte der Bund ein Notprogramm zur Förderung des Wohnungsbaus. Es erschien ein Leitfaden, der sich an Architekten und Wohnbaugenossenschaften richtete. Angesichts der wieder rar gewordenen Materialien wie Eisen, Zement oder Backsteinen wurden Alternativen aufgezeigt. Diese Kriegssiedlungen erkennt man noch heute am grossen Anteil von Holzelementen, an Geräteschuppen für Brennholz, an gemeinsamen Waschküchen sowie insbesondere an Gemüsegärten zur Selbstversorgung. Im Nordquartier entstanden so die Winterhalde und der Stapfenacker. Die Vorgärten sind heute zu kinderfreundlichen Spielplätzen umfunktioniert und die Siedlungen erlauben insbesondere jungen Familien ein Wohnen zu vernünftigen Mietbedingungen.

Das Stapfenacker-Schulhaus und die Christian Gfeller AG

Die anhaltende Zunahme von schulpflichtigen Kindern in der ehemaligen Gemeinde Bümpliz hatte zur Folge, dass innert einer Generation vier Schulhäuser gebaut werden mussten. Da nach damaligem Steuerrecht alle in Bümpliz wohnhaften, aber in der Stadt arbeitenden Personen ihre Steuern am Arbeitsort ablieferten, geriet das ehemalige Bauerndorf in grosse finanzielle Schwierigkeiten. Trotzdem erteilte sie dem Architekt Karl Indermühle 1917 den Auftrag, ein Schulhaus an der Jurastrasse zu bauen. Die Stadt Bern als de facto-Vormund der verarmten Gemeinde legte indes ihr Veto ein. Ende der Zwanzigerjahre nahmen die städtischen Behörden als Rechtsnachfolger des Bümplizer Gemeinderats das Projekt wieder auf. Sie verlangten aber vom Architekten eine vollständige Überarbeitung und Aktualisierung der Planungsvorlage. Unter dem Einfluss der Bauhaus-Architektur sowie neuster Erkenntnis in der Pädagogik und Wissensvermittlung realisierte Indermühle 1932 einen für die Architektur wegweisenden Bau, der in der Folge während Jahrzehnten zur Pilgerstätte von Architekturdozenten und –studenten avancierte.

Um 1910 begannen die Freiburgischen Elektrizitätswerke mit der Einführung der elektrischen Energie in Bümpliz. Der gelernte Mechaniker Christian Gfeller, der zu diesem Zeitpunkt im Mühledorf eine Werkstätte für Telefonapparate und Signalglocken für die Bahn betrieb, erkannte bald einmal die Bedeutung dieser grundlegenden Neuerung. Er bewarb sich mit Erfolg um eine Konzession für die Erstellung von elektrischen Installationen und startete ab 1911 mit dem neuen Dienstleistungsangebot in nicht weniger als 14 Gemeinden im Westen der Stadt Bern, von Zimmerwald über Guggisberg bis Frauenkappelen. Damit legte er den Grundstein für die im Laufe der Jahre an Bedeutung stets zunehmende Abteilung für Stark- und Schwachstromanlagen. Im Jahre 1929 konnte der neue Standort an der Brünnenstrasse bezogen werden; 1936 und 1939 wurde der Betrieb erneut vergrössert.

Mit dem Vorzeigebau von Indermühle und dem Pionierunternehmen von Christian Gfeller gerieten die Brünnenstrasse und damit das Nordquartier für einige Jahrzehnte in den Fokus nationaler und internationaler Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt dank der Errichtung des Bümplizer Friedhofs zu Beginn der Fünfzigerjahre erfuhr die Wohnlage eine Aufwertung durch eine parkähnliche Ruhezone. Das Gebiet ist von der Bauexplosion der Sechzigerjahre mit Ausnahme des Fellerguts verschont geblieben. Der 1910 gegründete Quartierleist nimmt bis zum heutigen Tag die Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner, sowie der Dienstleistungs- und Gewerbetriebe wahr und hat somit grossen Anteil an der Lebens- und Wohnqualität im Quartier.

Max Werren, Ortsarchiv Bümpliz