Die Eingemeindung von Bümpliz

Die auf 31. Dezember 1918 vorgenommene Eingemeindung von Bümpliz löst noch heute unterschiedliche Reaktionen aus. Während ein Teil der sogenannten „alten Bümplizer“ diese Massnahme als Verlust der Eigenständigkeit, als Bevormundung, ja als Schmach betrachtet, ist sie für viele andere Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils VI eine logische und wegweisende Entscheidung. Möglicherweise müssen wir auch davon ausgehen, dass dem überwiegenden Teil der Bevölkerung völlig egal ist, in welcher Gemeinde er im Grossraum Bern wohnt.

Die Abhängigkeit von Bümpliz zum grossen Nachbar hat geschichtliche Wurzeln, die bis in die Gründungsepoche der Zähringerstadt zurück gehen. Um die Wasserversorgung der Besiedlung auf der Aarehalbinsel sicherzustellen, wurde der Stadtbach (ein früherer Name ist nicht bekannt) bereits auf Höhe der heutigen Kehrichtverbrennungsanlage umgeleitet und in einem künstlichen Bett in die Stadt geleitet. Die Nutzung des Wassers für die Bewässerung der Weiden war den Bümplizern untersagt, ja sogar das Fischen wurde ihnen verboten. Selbstverständlich wurden diese Vorschriften nicht immer eingehalten, sorgten indes schon in früher Zeit für Unmut im Bauerndorf. Auch die Nutzung der Wälder rund um Bümpliz blieb bald nach der Stadtgründung eingeschränkt, so dass für den Bau von Häusern sowie die Heizung im Winter nur die kleinen Wäldchen Rehhag, Winterhalen und Stöckacker übrig blieben. Selbst der Ausbau des Schlosses war der Regierung ein Dorn im Auge. Erst der einflussreiche Franz Ludwig von Erlach (1596-1650), Herr zu Bümplitz, durfte grössere bauliche Veränderungen vornehmen.

Mit der Bildung der selbständigen Gemeinde nach dem Zusammenbruch des Patriziats nahmen die Spannungen zwischen den beiden Munizipalitäten zu. Gegen Ende des 19. Jh. siedelten sich immer mehr Arbeiter und Angestellte der kantonalen und eidgenössischen Verwaltung in Bümpliz, insbesondere im Quartier Stöckacker, an. Die Burgerholzgemeinde Bümpliz stellte ihnen auf Druck der kantonalen Behörde günstiges Bauland zur Verfügung. Es entstanden billige Mehrfamilienhäuser und der Zuzug von Neubewohnern aus unteren sozialen Schichten nahm zu. In der von wohlhabenden Bauern geprägten Gemeinde musste man zur Kenntnis nehmen, dass auf Grund der damaligen Steuergesetzgebung die Einkommen in der arbeitgebenden Gemeinde und nicht in der Wohngemeinde versteuert wurden. Dies hiess, dass das Steuersubstrat vornehmlich der Stadt Bern zufloss, die Gemeinde Bümpliz indes für die sozialen Lasten, insbesondere das Schul- und Armenwesen aufkommen musste. Dies vereinfachte das Verhältnis zu Bern in keiner Weise. Nachdem bereits 1882 der Bau des zweiten Dorfschulhauses an der Bümplizstrasse nur mit einem Kredit von Fr. 50 000.- realisiert werden konnte, brachten das neue Höheschulhaus (1903) und das Sekundarschulhaus (1909) die Gemeinde an den Rand des Ruins. Im Jahre 1913 genehmigten die Bürger nochmals ein Darlehen von 30 000 Franken für die Gemeindeverwaltung. In der Folge entzogen die Stimmberechtigten den Gemeindebehörden das Vertrauen. Entsprechend der Parole der sozialdemokratischen Partei, die in der Zwischenzeit zu einer starken politischen Gruppierung gewachsen war, wurde im Dezember 1913 das Budget des kommenden Jahres sowie der Antrag auf ein weiteres Darlehen abgelehnt. Damit sollte die Eingemeindung forciert werden.

Nun schritt die kantonale Gemeindedirektion ein. Sie entzog der Schulgemeinde die Verwaltungsbefugnisse und setzte eine „Vogtkommission“ ein. Diese nahm mit Unterstützung des Kantons die Eingemeindeverhandlungen wieder auf, welche bereits 1907 eingeleitet, dann aber wieder abgebrochen worden waren. Die Stadt Bern hatte indes keine Eile, sich das über die Ohren verschuldete Bümpliz einzuverleiben. Die Vogtkommission protestierte energisch gegen die Verschleppungstaktik. 1916 trat die Schulgemeinde wieder in die Verwaltungsrechte ein. Angesichts der immer noch zunehmenden Zahl von schulpflichtigen Kindern brachte sie ein Projekt des Architekten Karl Indermühle für ein Schulhaus an der Brünnenstrasse sowie ein diesbezügliches Kreditbegehren vor die Stimmberechtigten. Das Vermögen der Gemeinde wies nun einen Kassenbestand von 2 048 Franken auf.

Nun griff der Gemeinderat von Bern ein. Er erhob Einspruch gegen Bau und Kredit mit der Begründung, dass ohnehin die Stadt für die Schulden aufkommen müsse. Die Demütigung des rührigen Bümplizer Gemeinderats, der mangels Steuereinnahmen nicht mehr handlungsfähig war, schien komplett. Immerhin gewährte der Kanton noch ein restliches Darlehen von Fr. 50 000.- um die Besoldung der Lehrerschaft auszahlen zu können.

Am 9. Dezember 1917 nahm das Bernervolk ein neues Gemeindegesetz an. Dieses brachte endlich die wohnörtliche Steuerpflicht. Für Bümpliz kam sie zu spät. Der Gemeinderat hatte resigniert, die Stadt liebäugelte unter dem Einfluss der grossen Bevölkerungszunahme mit den Landreserven in Bümpliz. Ende August 1918 wurde der Eingemeindevertrag unter Vorbehalt der Ratifikation durch die beiden Gemeinden von den Vertretern der beiden Munizipalitäten unterzeichnet.

Die Stimmbürger der Stadt Bern genehmigten den Vertrag mit 7 559 Ja gegen 2 901 Nein, jene der Gemeinde Bümpliz mit 631 Ja zu 17 Nein. Am 1. Januar 1919 wurde die Eingemeindung in aller Stille und ohne Begeisterung diesseits und jenseits vollzogen. Der Bümplizer Architekt Karl Indermühle vermochte den Berner Gemeinderat zu überzeugen, den im Werkhof abgestellten ehemaligen Davidbrunnen von der oberen Spitalgasse den Bümplizern als Willkommensgeste zu überlassen.

In der letzten Gemeinderatsitzung der Einwohnergemeinde Bümpliz am 28. Dezember 1918 blickte der Gemeindepräsident Fritz Messerli in bewegten Worten zurück. Hier ein Auszug aus seiner Ansprache: „Bis anfangs der 90er Jahre hatten wir auch hier in der unteren Gemeinde (die „obere Gemeinde“ umfasste die Weiler Bottigen und Riedbach) rein landwirtschaftliche Verhältnisse. Man kann wohl sagen, dass bis zu diesem Zeitpunkt sich seit hundert Jahren das Bild von Bümpliz wenig verändert hatte. Es wurde wenig gebaut. Einzig in den 70er Jahren entstanden die sogenannten Höhehäuser – obere, mittlere und untere Höhe und das Restaurant bei der oberen Station. Die Bevölkerung blieb jahrelang immer ziemlich stabil. Auch die Gemeindeverwaltung war in Folge dessen sehr einfach. Der Gemeinderat hatte alle Monate eine Sitzung. Gemeindebeamten hatten wir keine als den Gemeindeschreiber und den Polizeidiener. Als Gemeindekassier amtete gewöhnlich ein Landwirt mit einer jährlichen Besoldung von 50 Franken...

...Vom Jahre 1984 hinweg begann die Bautätigkeit im Stöckacker. Das dortige Burgerland wurde damals unter die Nutzungsberechtigten aufgeteilt. Es wurde meistens Lose gemacht von einer halben Jucharte. Jeder stellte sein Haus so auf, wie er es für die Ausnützung seines Grundstückes am vorteilhaftesten erachtete. Als Zufahrtswege wurde bestehende Feldwege benützt...“

Fritz Messerli schloss seine Ansprache mit folgenden Worten (Auszug): „Es sind also nicht nur Gefühle der Freude über die endliche Erlösung aus unseren Finanznöten, sondern es sind auch Gefühle der Miss-Stimmung und des Unmuts über die verschiedenen Opfer, die wir darbringen müssen. Also ein Freudenfest wollen wir am 1. Januar 1919 nicht feiern, aber gleichwohl wollen wir uns mit Zuversicht und ohne Gram mit den Tatsachen abfinden. Wir wollen uns auch mit der festen Hoffnung an die Gemeinde Bern anschliessen, dass dieselbe uns nicht als verschupftes Stiefkind, sondern als gleichberechtigtes Glied in ihren Haushalt aufnehmen werde...“

Max Werren, Ortsarchiv Bümpliz

17.09.08

Quellen: S. Schütz/P. Müller - Bümpliz eine Dorfgeschichte, 1952

Ratsprotokolle Gemeinderat Stadt Bern

Fritz Messerli – Abschiedsrede als Gemeindepräsident, 1918

Vinzenz Bartlome - Bümpliz und seine Wälder, 1994